Uwe Borrmann     Posaune


Schon zu Beginn des Jahres 1973 war uns allen politisch die 10. Weltfestspiele ingehämmert
worden. Unter dieser Vorgabe führten wir unser "Winterspezia
listenlager" im Februar 1973
wie bereits 1971 in Tannenbergsthal/Gottesberg
durch. Wir  waren  in  einer  Gaststätte  mit  
Ferienhotel  untergebracht.
Die  Älteren  schliefen  in  Dachbuden.  Der  Rest  in  2  grösseren
Räumen.
Der  Aufenthalt  und  die  Proben  erfolgten  dann  in  diversen  Nebenräumen  der
Gaststätte. Vom BMK (Bezirksmusikkorps) Berlin kam Gerd Beneke mit und übernahm einen
Teil der Probenarbeit für die Bläser. Eines Tages verschwand er vormittags und kam wieder
mit einer ganzen Ladung Trompeten,
Tenorhörnern. Na Hallo, jetzt ging's los. Grosse
Vorblasaktion der Bläser,
jeder wollte eine Trompete haben. Am Abend waren alle Fronten
geklärt.
Tags darauf begannen wir mit der Einübung der ersten Musikstücke. Es waren zunächst  
gut  gesetzte  Harmonieetüden. Tage  später  kamen
 dann  die  bisherigen  Titel  dazu
(Steigermarsch u.ä.). Donnerwetter.

Die Umstellung in der neuen Besetzungsform war super gelaufen. Wir waren ja seit 1970
bereits ein Ventilfanfarenzug (nur Es-Ventilfanfaren), aber jetzt
klang alles viel voller.
Jetzt ging alles nach Noten, nicht mehr Gehör und
Blätter mit Ziffernfolgen der Griffkombi-
nationen oder gar auswendig spielen.


Nach dem Probelager erfolgten nun die ersten Auftritte mit anders klingender Musik.
War richtig wuchtig und klangvoll. Die üblichen Auftritte (1. Mai,
Kreisjugendspartakiade)
wurden absolviert. In Richtung 10. Weltfestspiele führte
das BMK Berlin ein Probelager in den
Frühjahrsferien in Prieros durch. Tolle
Stimmung. Und jetzt wird der politische Hintergrund
deutlicher: Lied der Partei,
Drushba-Freundschaft, Venceremos, FDJ bau auf usw., etwas
entspannter
Berliner Festivalmarsch, Labatea, Steigermarsch.

Im Mai war unsere Truppe dann in Strausberg zu einen Wettbewerb von Fanfarenzügen 
angetreten. Wir machten dort die beste Musik (marschieren naja). Wurden aber letztendlich  
nicht  bewertet,  da  wir  nicht  mehr ein reiner Naturfanfarenzug waren. War aber trotzdem
ein interessantes Erlebnis. Wir haben sozusagen erstmals unseren Namen in die Köpfe
anderer Musikformationen ausserhalb Berlins getragen. In Berlin waren wir durch das BMK
 bereits bekannt.

Zu Pfingsten kamen aus allen Gegenden der DDR auserwählte FDJ'ler zum "Kleinen Festival"
nach Berlin. Wir haben zunächst gar nichts davon miterlebt.  Aber zum Abschluss sind wir mit
den älteren Musikern von uns und gemeinsam mit Musikern vom Fanfarenzug Treptow und
Fanfarenzug WF auf dem Fahrgastschiff "Wilhelm Pieck" zugange. Dort waren die FDJ-Chefs
(Zentralrat) und div. andere
FDJ'ler zum Abschlussfest geladen. Die Fahrt ging nach Neu Helgoland zum Strandimbiss an
den kleinen Müggelsee. Auf dem Schiff machten wir zweimal Musik. Dann wurde mitgefeiert
(aber feste). Dann am Strand bei Fackelschein wurde von uns Musikern ein Fass Bier geleert
und kräftig am Schwein vom Spiess mitgefuttert. Spät nach Mitternacht legte das Schiff in
Grünau an und wir führen mit der Strassenbahn trötend und trommelnd durch Alt-Köpenick
nach Hause.

In Vorbereitung der 10. Weltfestspiele tat sich in Berlin einiges. Plötzlich traten wir im
Freizeitpark Plänterwald auf. In Köpenick eröffnete das Mecklenburger Dorf, mittwochs, also
die ältern Musiker von uns nichts wie hin und hoch die Tassen. Der Köpenicker Sommer war
richtig toll, Abschluss Schlossinsel und ab in Meckki. Das "Walter-Ulbricht-Stadion" wird
umbenannt in "Stadion der Weltjugend", der Alexanderplatz wird völlig neu gestaltet, in
seinem Zentrum der Weltfestspielbrunnen.
Und für uns der Hammer, wir sind als BMK Berlin zu den 10. Weltfestspielen nicht in Berlin
(oooch!) sondern in Bernau in einer Schule einquartiert. Na toll. Alle anderen BMK's waren
in Berlin untergebracht.

10. Weltfestspiele, grosse Eröffnungsfeier im Stadion (ZMK macht super Musikschau), wir
sitzen in Bernau. Dies ist Anlass sich trotzdem zu amüsieren, also Bernauer Gegend erkunden.
Richtig eingesetzt wurden wir zu zwei Standkonzerten in Berlin, der Kampfdemo und zum
Festival-Karneval. Ein Tag vorher starb Ulbricht. Wir dachten schon der Karneval fällt aus.
Aber Ulbricht wünschte wohl noch vorher im Falle seines Ablebens kein Abbruch der
Weltfestspiele (seltsame Legenden). Also Karneval vom Besten. Wir haben uns wie Bolle
amüsiert, so was wie exaktes Marschieren fiel zusehend flach (und Ulbricht's Fell wurde
versoffen). Nach den Weltfestspielen wurde für alle Musiker der BMK's die gesamte Musikschau
im Stadion der Weltjugend wiederholt. Also im Original war das für uns die totale Gänsehaut,
einfach herrlich. Zum Abschluss spielten wir alle den "Marsch der jungen Schrittmacher" mit
einem seltsamen echoartigen (zeitversetztem) Titelende. Das fanden wir aber alle sehr lustig.

Im September reifte dann bei mir der Entschluss, zusätzlich zum Ventilfanfarenzug noch eine
Gruppe interessierter Musiker für richtige Blasmusik aufzubauen. Wir nannten dies damals
"Hobbygruppe" und daraus entwickelte sich das Auswahlorchester im Stadtbezirksmusikkorps
Köpenick (siehe spätere Jahre). Noch heute sind Musiker dieser "Hobbygruppe" aktive Musiker
bzw. Mitglied im Verein. Ich weiss noch, das ich damals im Musikfachgeschäft "Musikfreund"
Frankfurter Allee für diesen Zweck zu erstaunlichen 12,- M bzw. 25,- M die Noten für
"Blaue Wimpel im Sommerwind" und "Pleissenthaler Blasmusik"-Stimmenhefte beschaffte.
So sind "Zug der Wandervögel" und "Blaue Wimpel im Sommerwind" die ersten typischen
Blasmusiktitel für uns gewesen.

Im Herbst bauten wir um das Bungalow-Dorf einen Zaun und waren auch gleich in den
Bungalows  für ein paar Tage einquartiert. Die Ferienspiele fanden seit langem nicht mehr  
auf  diesem  Gelände statt und wir haben es quasi für uns übernommen. Selbstverständlich
machten wir auch wieder unser Elternkonzert.
Insgesamt war das Jahr 1973 ein sehr erfolgreiches Jahr, insbesondere weil es für unsere
heutige Existenz doch sehr prägend war.